Panorama



„Das Selbst im Dialog mit dem Anderen: Ein humanistischer Weg im interkulturellen Kontext: zur Ehrung von Mohamed Turki“

31-12-2025 14:10:39

Prof. Dr. Jameleddine Ben Abdeljelil - Pädagogische Hochschule Ludwigsburg. 

 zur Ehrung von Mohamed Turki:

Wir sind heute zusammengekommen, um einen Menschen zu ehren, dessen Wirken viele von uns auf eine leise, aber nachhaltige Art geprägt hat: Mohamed Turki. Wenn ich über ihn spreche, dann nicht über eine Büste aus gelehrter Tradition, sondern über jemanden, der Denken als Begegnung versteht. Begegnung mit Texten, mit Menschen, mit Sprachen und vor allem Begegnung mit dem Anderen, das heißt: mit jenem Gegenüber, das uns herausfordert und uns zugleich erst zu uns selbst werden lässt. Der biographische Weg Mohamed Turkis zwischen zwei Welten prägt sein Denken von Anfang an. In seiner frühen Arbeit über Jean-Paul Sartre entwickelt er eine Auffassung von Freiheit, die nicht nur abstrakte Möglichkeit meint, sondern Verantwortung: Freiheit als Handeln, als Entscheidung im Angesicht des Anderen.

Dieses Motiv, Freiheit nicht als Isolation, sondern als Beziehung, wird zu einem Schlüssel für sein späteres philosophisches Arbeiten. Denn Turki hat nie Philosophie als bloße Ideengeschichte betrieben. Er wollte verstehen, wie Menschen denken und vor allem, wie sie miteinander denken können, wenn ihre kulturellen, sprachlichen oder religiösen Horizonte zunächst unvereinbar zu sein scheinen. Er interessiert sich für die Frage, wie Vernunft sich bildet und welche Voraussetzungen wir in unseren jeweiligen Traditionen mitbringen. Dabei wird schnell deutlich, dass er nicht zwischen „westlicher“ und „arabisch-islamischer“ Vernunft trennt, um sie gegeneinander auszuspielen, sondern um zu zeigen, dass Vernunft historisch gewachsen ist, kulturell geformt, und gerade deshalb dialogfähig.

Sein Ansatz lässt sich vielleicht am besten mit dem Begriff des „anderen Selbst“ fassen. Wer sich auf den Anderen einlässt, verändert sich. Das Selbst, das sich selbst genügen möchte, bleibt arm. Das Selbst, das dem Anderen begegnet, lernt, wächst, entdeckt Möglichkeiten, von denen es zuvor nichts ahnte. Mohamed Turki spricht nicht von Toleranz. Toleranz lässt den anderen leben, aber meistens auf Abstand. Was ihn interessiert, ist Anerkennung: die Bereitschaft, die Perspektive des anderen so ernst zu nehmen, dass sie meine eigene Perspektive beeinflussen darf.

Diese Haltung hat Turki gelebt. In seinen Vorträgen und Lehrveranstaltungen, in seinen Gesprächen, in seiner Art zuzuhören. Wer mit ihm sprach, merkte sehr schnell, dass sein Interesse echt ist. Er fragt nicht, um zu prüfen, sondern um zu verstehen. Und erst wenn er verstanden hat, beginnt er, zu antworten. Dabei entsteht ein Denken, das nicht auf Überlegenheit zielt, sondern auf gemeinsames Weiterkommen.

Er ist ein Humanist in einem anspruchsvollen Sinn: nicht als moralische Geste, sondern als Haltung, in der der Mensch nicht im Zentrum steht, sondern in Beziehung. Es gibt einen Satz, der sein Denken gut beschreibt, auch wenn er nicht von ihm stammt: „Das Selbst ist nur durch das Andere bei sich und man kann die Welt nur verstehen, wenn man bereit ist, sie mit den Augen eines anderen Menschen zu sehen.“ Für Turki bedeutet Philosophie genau das: die Kunst, sich selbst zu überschreiten. Die Kunst, nicht in der eigenen Sprache stehen zu bleiben, sondern die Sprache des anderen als Einladung zu begreifen.

Man merkt in solchen Momenten, dass sein Leben zwischen Tunesien und Deutschland nicht einfach Biografie ist, sondern Methode. Er hat gelernt, von beiden Seiten her zu denken und das nicht als Kompromiss, sondern als Möglichkeit, klarer zu sehen. Denn wer nur aus einer Welt bzw. aus einer Seite denkt, sieht immer nur die Hälfte.  Diese Haltung ist heute vielleicht wichtiger denn je. Wir leben in einer Zeit, in der kulturelle Unterschiede schnell und o als Bedrohung empfunden werden. In den Debatten oft in Kampflagern zerfallen. In der es leichter ist, zu urteilen, als zuzuhören. Turki erinnert uns daran, dass Humanismus nicht bedeutet, überall das Gleiche zu sehen, sondern die Fähigkeit, Unterschiede als Beginn eines Gesprächs zu begreifen, nicht als Ende; dass das Selbst nur dort wächst, wo es dem Anderen begegnet. Dass Vernunft nicht monologisch ist.

Wenn wir also Mohamed Turki heute ehren, ehren wir nicht nur einen Philosophen, nicht nur einen Akademiker, sondern eine Haltung. Eine Haltung, die ernst macht mit dem Gedanken, dass Denken immer dialogisch ist. Dass wir uns selbst erst finden, indem wir dem Anderen begegnen. Und dass die Aufgabe von Bildung genau darin besteht: Räume zu schaffen, in denen diese Begegnungen möglich sind.

Ich möchte an dieser Stelle etwas Persönliches sagen: In meinen Gesprächen mit ihm hatte ich oft das Gefühl, dass er den Menschen vor sich sieht, bevor er dessen Argument sieht. Er wusste, dass Denken verletzlich ist. Und er ließ Raum dafür. Er war geduldig mit dem Unfertigen. Und ich glaube, das ist eine der seltensten Gaben eines Lehrenden. Offenheit ohne Naivität. Klarheit ohne Härte. Tiefe ohne Überheblichkeit. Und eine Stille Treue zur Wahrheit, die nie laut werden muss.

Ich schließe mit einer einfachen, aber entscheidenden persönlichen Beobachtung: Wer mit Mohamed Turki spricht, geht selten unverändert aus diesem Gespräch heraus. Nicht weil er missioniert, nicht weil er überredet, sondern weil er zuhört und gemeinsam denkt. Das ist vielleicht das Schönste, was man über einen Philosophen sagen kann. Dafür und für seine menschliche Gegenwart sind wir ihm dankbar.

Danke lieber Mohamed.